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Theodor Ickler zu »Mit schlechtem Beispiel voran«
Dieser Kommentar wurde am 05.12.2019 um 11.37 Uhr verfaßt.


Olaf Krause im Sprachdienst 6/2016:
„Nach der Umsetzung der Reform der Reform und der Wiederherstellung der Einheitlichkeit der Schreibung im deutschen Sprachraum konnte sich der Rat nun der Beobachtung der Entwicklung des Sprach- bzw. Schreibgebrauchs widmen (zu den Aufgaben siehe 4.).“

Krause übernimmt einfach die Selbstdarstellung des Rates. Damit wird auch der gewaltsame Eingriff der Politiker in die Arbeit des Rates verschleiert, die praktisch zur Beendigungvon dessen Revisionstätigkeit führte. Seit Krause für die GfdS arbeitet und sie im Rechtschreibrat vertritt, ist er Mannheimer Hofberichterstatter.
Er erwähnt zwar die Kommission, aber nicht den Beirat.
„Ende 2002 legte die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung einen Kompromissvorschlag vor, in dem nur die nach eigenen Angaben »sinnvollen« Regeln übernommen wurden. Die Zwischenstaatliche Kommission hielt jedoch an den Grundsätzen der Reform fest. Der Versuch einer Kompromissfindung scheiterte. Daher beschloss die Kultusministerkonferenz (KMK) im Juni 2004 die Ablösung der Zwischenstaatlichen Kommission durch den international zu besetzenden Rat für deutsche Rechtschreibung, dem Vertreter der »wichtigsten wissenschaftlich und praktisch an der Sprachentwicklung beteiligten Gruppen« angehören sollten (Statut des Rats für deutsche Rechtschreibung, 1), darunter ausdrücklich auch Kritiker der Reformschreibung.“

Krause schreibt sogar: „Die Tätigkeit im Rat erfolgt nicht weisungsgebunden, die Mitglieder sind bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben unabhängig.“ - ohne zu erwähnen, daß sie in Wirklichkeit keinesweg unabhängig gearbeitet haben, sondern zum Ärger des Vorsitzenden Zehetmair, der dabei ziemlich alt aussah, von den Kultusministern an die Kette gelegt wurden.
Auch die jeweils einstimmige Wahl des Vorsitzenden (Zehetmair, Lange) wird kritikos referiert.


Theodor Ickler zu »Rechtschreibrat: Unfähig! Setzen!«
Dieser Kommentar wurde am 05.12.2019 um 07.01 Uhr verfaßt.

Zu http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=754#10756

Hier ist mein Kommentar im Original:

Vergebliche Mühe

Zum dritten Bericht des Rates für deutsche Rechtschreibung

Vor zwölf Jahren stand die Rechtschreibreform auf der Kippe. Die Zwischenstaatliche Kommission, die weitgehend aus den Reformern selbst bestand, hatte sich als so uneinsichtig erwiesen, daß die deutschen Kultusminister sie schon 2001 unter die Aufsicht eines „Beirates“ stellten. Allerdings war auch diesem nur ein kurzes Leben beschieden, schon weil Österreich und die Schweiz ihn nicht anerkannten. Drei Jahre später sahen sich die Regierungen gezwungen, die Kommission samt Beirat aufzulösen und ein neues Gremium zu gründen: den Rat für deutsche Rechtschreibung unter dem Vorsitz desselben ehemaligen Kultusministers Hans Zehetmair, der die Reform in Bayern durchgesetzt hatte. Nur so konnten auch die Schweiz und Österreich wieder ins Boot geholt werden.
Im ersten Jahr ging der Rat mit viel Schwung an die Korrektur der Regeln. Doch dann stockte die Arbeit. Als die Kultusminister erkannten, daß ihre Reform auf dem besten Wege war, völlig zerschrotet zu werden, setzten sie, wie Zehetmair während der Herbstsitzung 2005 mitteilte, den Rat unter Druck, es mit dem Erreichten gut sein zu lassen (vgl. F.A.Z. vom 25. Februar 2006). Laut Zehetmair diente der Abbruch der Arbeit dem „Rechtschreibfrieden“ und der „Marktberuhigung“. Vieles ist bis heute liegen geblieben. Dies sind die wichtigsten Desiderata:
1. Die Großschreibung von Adjektiven in verweisender, nicht benennender Funktion (Ersterer, Folgendes) wurde schon im 19. Jahrhundert als übertrieben erkannt und zurückgenommen. Ihre Wiedereinführung stört den heutigen Leser ebenso wie die groß geschriebenen Indefinitpronomen. Seit der Reform gilt beispielsweise: Das fragen sich manche. Das fragen sich Einzelne. Das fragen sich viele/Viele.
2. Dasselbe gilt für die Großschreibung adverbialer Ausdrücke: im Allgemeinen, im Wesentlichen, im Großen und Ganzen, des Näheren, des Öfteren. - Es gibt kein „Allgemeines“ oder „Öfteres“, von dem hier die Rede wäre; dem entsprach die moderne Kleinschreibung. Im Zuge der Revision ist die Großschreibung sogar noch auf artikellose Fügungen ausgedehnt worden: seit Langem, bei Weitem und ein Dutzend weitere.
3. In mehrteiligen Entlehnungen verlangt die Reform Großschreibung der Substantive - in der Herkunftssprache: Ultima Ratio, Commedia dell´Arte. Inkonsequenterweise sollen Adjektive am Anfang aber keineswegs klein geschrieben werden, sonst müßte es ultima Ratio heißen. Die neue Regelung ist unerhört schwer zu befolgen. Zweifelsfälle häuften sich: Herpes zoster, Corpus delicti, Memento mori, Reductio ad Absurdum, Lupus in fabula, L´Art pour l´Art, Café Crème, Spaghetti Bolognese, Garam masala...? In der medizinischen Nomenklatur wird weiterhin geschrieben: Cortex cerebri, Musculus levator veli palatini. So einfach war die Regel vor der Reform ganz allgemein: Das erste Wort groß, alles andere klein.
4. Die Großschreibung der Tageszeiten (gestern Abend) ist grammatisch nicht konstruierbar. Der Zweifelsfall neulich Abend bleibt ungeklärt, weil auch die revidierte Fassung immer noch mit geschlossenen Listen arbeitet, in denen neulich eben nicht vorkommt. Die Schreibweise Diät leben beruht auf einem Irrtum. pleite gehen/bankrott gehen wurden zunächst in Pleite/Bankrott gehen geändert, die Revision führte obligatorisch pleitegehen, bankrottgehen ein. Warum die ursprüngliche Schreibweise nicht mehr zulässig sein soll, ist unerfindlich.
5. Die Getrennt- und Zusammenschreibung ist durch Reform und Revisionen nicht leichter geworden: eislaufen, Rad fahren (aber auch radfahrend); näher kommen (in nichträumlicher Bedeutung), aber weiterkommen (in jeder Bedeutung) und viele ähnliche Fälle. Aus [i]gut tun, leid tun, not tun machte die Reform gut tun, Leid tun, Not tun; der Rat änderte in gut tun, nottun, leidtun. All dies ist konfus und kann nicht gelernt werden.
6. Weitere Punkte der Neuregelung sind wegen der geringen Zahl betroffener Wörter oder der Seltenheit ihres Vorkommens weniger wichtig und könnten nebenbei bereinigt werden:
- Die vielbelächelten „Etymogeleien“ (behände, Stängel, Gämse, Zierrat, belämmert, gräulich, einbläuen, aufwändig, Tollpatsch, schnäuzen und andere) könnten aufgegeben oder wenigstens freigestellt werden.
- Die Einträge unter mal/Mal sind grammatisch fragwürdig und wirr (zum Beispiel die Streichung von jedesmal aus dem deutschen Wortschatz, während diesmal, ein paarmal erhalten bleiben.)
- Nachdem der zweite Bericht bereits einige Eindeutschungen zur Disposition gestellt hat (Butike, Schose, transchieren und ein paar andere wurden 2010 gestrichen), schlägt der dritte Bericht nochmals zwei Dutzend wie Grislibär und Jockei zur Streichung vor. Orientierte der Rat sich wirklich am Schreibbrauch, würde er auch Fonetik und manches andere wieder beseitigen.
- Die Trennmöglichkeiten sollten auf ein vernünftiges Maß zurückgeschnitten werden. Mit Diag-nose, Konst-ruktion, Katas-trophe ist niemandem gedient.
Es gäbe also genug zu tun. Der dritte Bericht beschränkt sich jedoch auf winzige Veränderungen und eine neue Darstellung bei den Regeln zur Großschreibung in festen Verbindungen. Er bekommt das Problem so wenig in den Griff wie alle früheren Versuche. Zusätzlich arbeitet er nun mit vielen falschen Beispielen: die letzte Ehre, das stille Wasser, das olympische Feuer und viele weitere Nominationsstereotype werden als nicht-idiomatisch bezeichnet, aber in keinem Fall läßt sich die Gesamtbedeutung „aus der Bedeutung der einzelnen Teile erschließen“. Wenn die Unterscheidung zwischen wörtlichem, übertragenem und idiomatischem Gebrauch nicht eindeutig getroffen werden kann, dann kann auch die Groß- und Kleinschreibung nicht in eindeutige Regeln gefaßt werden. An ihre Stelle kann nur die Einzelfalldarstellung im Wörterbuch treten, mit realistischen Spielräumen und Hinweisen auf die Üblichkeit. Die Illusion der Ableitbarkeit aus Regeln (die auch vor der Reform niemand gelesen hat) muß durchschaut und aufgegeben werden. Außerhalb von Fachsprachen (Roter Milan, Fleißiges Lieschen) und protokollarischer Normung (Regierender Bürgermeister, Heiliger Vater) lassen sich keine scharfen Grenzen ziehen. Die goldene Hochzeit, das neue Jahr sollen nun auch groß geschrieben werden dürfen. Dagegen ist nichts zu sagen, aber warum nicht gleich so? Warum muß der schnelle Brüter, warum darf der Letzte Wille klein geschrieben werden, obwohl alle Welt hier groß schreibt? Schon früher scheiterte die ebenfalls semantisch orientierte Neufassung der Getrennt- und Zusammenschreibung mit Verben (weil sie ihn schmorenließ, als er massivwurde) auf dieselbe Weise und aus denselben Gründen.
Die Reform von 1996 wollte streckenweise der Sprachentwicklung ausdrücklich „entgegenwirken“ - ein Hauptgrund der Proteste. Nun gilt umgekehrt die Parole, das Regelwerk an den Schreibbrauch anzupassen. Darum unternimmt der Rat breit angelegte und teure Untersuchungen an Texten innerhalb und außerhalb der Schule. Dabei fällt ihm auf, daß es in der Schule gar keine Entwicklung geben kann, weil die Lehrer jede Abweichung als Fehler ahnden müssen. Darum waren schon die einschlägigen Beobachtungen im zweiten Bericht von Anfang an sinnlos, wie der dritte nun ausdrücklich zugibt (vergleiche zum zweiten Bericht http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1382). Die „AG Schule“ hat darum diesen Teil ihrer Beobachtungen eingestellt und will stattdessen Handreichungen zur Verbesserung des Unterrichts herausgeben – was allerdings die Kultusministerien selbst tun und nicht dem Rat aufgetragen haben.
Aber auch außerhalb der Schule gibt es keinen Schreibbrauch mehr, der sich nach den Intuitionen der Schreibenden entwickelt. Geschrieben wird fast nur noch am Computer und damit nach den Vorgaben der Korrekturprogramme, die automatisch dafür sorgen, daß die gesetzte Norm befolgt wird. Der Rat stellt zufrieden fest, die neue Großschreibung bei im Großen und Ganzen, auf dem Laufenden habe sich durchgesetzt, ohne zu erwähnen, daß gerade solche Wendungen allesamt in den Rechtschreibprogrammen verankert sind und Abweichungen unfehlbar unterringelt werden. Das gewaltige und nun auch aus Steuermitteln geförderte Unternehmen einer „Beobachtung der Sprachentwicklung“ ist gegenstandslos. Aber gerade an dieser Stelle zeigt sich, wie sehr Bertelsmann seine beherrschende Stellung im Rat ausgebaut hat. Der Rat berichtet über eine etwas änigmatische Resolution von 2013, wonach auch „nach der Schließung des Wissenmedia-Verlagsteils im Bertelsmann-Konzern“ für die Erhaltung und Weiterführung der lexikographischen Materialien des Wahrig-Wörterbuchs gesorgt werden solle. Technisch wird dieses Vorhaben vom „Kompetenzzentrum für Sprachtechnologie“ an der Universität des Saarlandes betreut, an dem Bertelsmann beteiligt ist. Die bisherige Zuarbeit hat in den Wahrig-Wörterbüchern zu wenig ermutigenden Ergebnissen geführt. Nähere Aufklärung findet man auf der Website eines „Konsortiums“ (http://www.schreibgebrauch.de/konsortium-wahrig.html), dessen Tätigkeit aber das genannte methodische Dilemma nicht überwindet: Die Reformbetreiber untersuchen nicht den Sprachwandel, sondern die Folgen des eigenen Tuns.
Positiv ist zu vermerken, daß der Rat kaum noch den „Erfolg“ der Reform herausstreicht; die nachgewiesene Verschlechterung der Rechtschreibleistungen wird freilich auch nicht erwähnt.
Man kann nur hoffen, daß der Rat unter dem neuen Vorsitzenden seine Eigenständigkeit zurückbekommt und die inhaltliche Arbeit an der Reform wiederaufnehmen kann.
(FAZ 12.1.2017)


Chr. Schaefer zu »Das große ß ist da«
Dieser Kommentar wurde am 04.12.2019 um 01.55 Uhr verfaßt.

In unserer Museumsbibliothek habe ich das schmale Bändchen "Regeln für die deutsche Rechtschreibung nebst Wörterverzeichnis", herausgegeben "im Auftrage des Preußischen Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung" aus dem Jahr 1921 gefunden. Es trägt den Zusatz "Neue Bearbeitung".


Dort heißt es (S. 11): "In lateiniſcher Schrift ſteht s für ſ und s [letztere jeweils in Fraktur], ss für ſſ, ß [Antiqua] (beſſer als ſs [Antiqua]) für ß [Fraktur]; für ß tritt in großer Schrift sz ein, z.B. MASZE (Maße [Fraktur]), aber MASSE (Maſſe).


Man beachte das kleine Wörtchen "besser"!


Theodor Ickler zu »Das große ß ist da«
Dieser Kommentar wurde am 29.11.2019 um 03.27 Uhr verfaßt.

Sie haben recht, meine Formulierung war etwas unbedacht.


R. M. zu »Das große ß ist da«
Dieser Kommentar wurde am 28.11.2019 um 23.03 Uhr verfaßt.

Die Allgemeine Literatur-Zeitung, die von Anfang an in Antiqua gedruckt wurde, hielt das schon Ende des 18. Jahrhunderts so.
https://books.google.de/books?id=nNNbAAAAcAAJ&pg=RA1-PA433
Im Laufe des 19. Jahrhunderts kam das lange s und damit auch diese unverbundene Schreibweise des ß im deutschen Antiquasatz außer Mode, so wie früher schon im Englischen und Französischen.

Gleichgültig ist die Sache aber keineswegs. Es kömmt eben drauf an, ob und wo man den Unterschied zwischen ss und ß macht.

Das kleine ß unter Versalien ist inzwischen schon fast die Norm.


Theodor Ickler zu »Ex-Kultusminister nennt Rechtschreibreform einen Fehler«
Dieser Kommentar wurde am 28.11.2019 um 16.00 Uhr verfaßt.

Im Interview sagt Zehetmair auch:

Ich habe die Reform nicht erfunden, ich musste auf die Reformbestrebungen vor allem aus Teilen der Wissenschaft reagieren.

Warum mußte er das? Die Teile der Wissenschaft waren etwa ein Dutzend namentlich bekannte Reformbetreiber, die niemand im Fach ernst nahm (ein Fehler!), Leute wie Augst, Zabel, Nerius, Mentrup - ich will über diese Germanisten hier nichts weiter sagen. Aber es bestand nicht die geringste Notwendigkeit, auf ihre Bestrebungen zu "reagieren". Sie haben sich durch listige Bearbeitung gewisser Ministerialräte "den Reformauftrag geholt", wie einer von ihnen es nannte.


Theodor Ickler zu »Das große ß ist da«
Dieser Kommentar wurde am 26.11.2019 um 06.48 Uhr verfaßt.

Ob man das "scharfe s" als Ligatur oder als Doppel-s schreibt, ist eigentlich gleichgültig. Die Weidmannsche Buchhandlung beispielweise, ein bedeutender Fachverlag, setzte lange Zeit einfach ein langes und ein rundes s (in Antiqua) nebeneinander, so etwa in Wilamowitz´ Griechischem Lesebuch, das ich gerade zur Hand habe.


Theodor Ickler zu »Rat für deutsche Rechtschreibung reicht seinen zweiten Bericht ein«
Dieser Kommentar wurde am 24.11.2019 um 14.31 Uhr verfaßt.

Zu http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=662#8672

Mir ist auch nach einigen Jahren nicht klar, wann und wo die Wörterbuchverlage ermächtigt worden wären, Änderungen nam amtlichen Wörterverzeichnis vorzunehmen. Auf die zitierte änigmatische Stelle in der Neufassung des Statuts (und schon zuvor in der Mitteilung der "Ergebnisse der Kultusministerkonferenz am 9. Dezember 2010 in Brüssel" (der Link ist tot)) bezieht sich eine Stelle im dritten Bericht:

Aus diesem abwägend-begründenden Vorgehen speist sich das dem Rat entgegengebrachte Vertrauen, was sich nicht zuletzt in der Erweiterung seines Mandats zu Beginn dieser Berichtsperiode widerspiegelt, mit der ihm die Kompetenz zugewiesen wird, „auf der Grundlage seiner Beobachtungsergebnisse über kleinere Veränderungen des Wörterverzeichnisses [zu] entscheiden, die in der Vergangenheit der Entscheidung der Wörterbuchverlage überlassen waren“ (vgl. Ziffer 1 des Statuts für den Rat).

Wessen Vertrauen? Das bleibt so unbestimmt wie jener "Konsens". In Wirklichkeit ging es doch darum, daß die Kultusminister keine Lust mehr hatten, über jeden Hirnfurz des Rates einen Beschluß herbeiführen zu müssen. Sie wollten die Sache loswerden, daher die Ermächtigung des Rates ("Erweiterung des Mandats").


Theodor Ickler zu »Rechtschreibrat: Unfähig! Setzen!«
Dieser Kommentar wurde am 24.11.2019 um 06.47 Uhr verfaßt.

Der umfangreichere zweite Teil des dritten Berichts ist in kaum verständlicher Sprache abgefaßt, so daß der Inhalt weitgehend nicht greifbar ist. Das liegt nicht nur an der Formulierungskunst der Geschäftsführerin, sondern spiegelt den Leerlauf der Sitzungen. Als Stilprobe sei der Anfang zitiert:

Der Rat für deutsche Rechtschreibung kann seit Inkrafttreten der von ihm zu einem Abschluss gebrachten neuen amtlichen Regelung im Jahre 2006 zwischenzeitlich auf einen Zeitraum von zehn Jahren blicken, in dem er sich seinen dauerhaften Aufgaben zuwenden kann. Zu diesen gehören nach Ziffer 1 des Statuts des Rats die Bewahrung der Einheitlichkeit der Rechtschreibung im deutschen Sprachraum und die Weiterentwicklung der Rechtschreibung auf der Grundlage des geltenden Regelwerks im unerlässlichen Umfang. Ist die Bewahrung der Einheitlichkeit schon dadurch gesichert, dass der Rat seine Beschlüsse zu Änderungen im breiten Konsens unter Berücksichtigung der verschiedenen Perspektiven auf die deutsche Sprache und ihre Rechtschreibung fasst, so steht diesem sein Vorgehen bei der Weiterentwicklung der Rechtschreibung in nichts nach; sie ist getragen durch eine umfassende Würdigung der verschiedenen an die Rechtschreibung formulierten Erfordernisse.

Wessen Konsens ist gemeint, welche Erfordernisse werden gewürdigt? Usw. - es ist zwecklos, hier Näheres erfahren zu wollen.



Theodor Ickler zu »Lehrer, euch gehört die Sprache nicht!«
Dieser Kommentar wurde am 20.11.2019 um 06.10 Uhr verfaßt.

An Ossners Gedanken ist zweierlei befremdlich:

Erstens wußte er genau, wie sehr die Neuregelung noch im Fluß war, und tatsächlich wurde sie ja bald darauf wieder und wieder geändert. Die Umstellung der Schriftstellertexte auf eine so vergängliche Norm wäre also nicht sinnvoll gewesen.

Zweitens kann man doch die Schriftsteller bzw. deren Rechteinhaber doch nicht auffordern, zu einer Einheitsorthographie "zurückzukehren", von der sie nie abgewichen waren. Wer hat denn die Einheit zerstört?

Ganz abgesehen von dem ungeheuerlichen Plan, die gesamte Schriftstellerei den (vermeintlichen) Bedürfnissen der Schule unterzuordnen.


Theodor Ickler zu »Lehrer, euch gehört die Sprache nicht!«
Dieser Kommentar wurde am 20.11.2019 um 06.00 Uhr verfaßt.

In seinem Rückblick auf zwei Amtsperioden im Rat für deutsche Rechtschreibung schreibt Jakob Ossner:

Meine Initiative im Rat, nun auch diejenigenAutoren, die ihre Werke nur in der „alten“, vor 1996 gültigen Form veröffentlichen ließen (darunter über seine Erben Brecht, ebenso Max Frisch wie auch Helmut Kohl), zu bewegen, sich der nun wieder gefundenen Einheitsschreibung anzuschließen, ging im Rat gründlich schief. Man verstand dies als Angriff auf die schriftstellerische Freiheit, was mir erbitterte Briefe insbesondere aus dem österreichischen Schriftstellerverband einbrachte, und noch 2009 glaubte die Frankfurter Allgemeine, diesen vermeintlichen Angriff auf die schriftstellerische Freiheit mit der Überschrift „Lehrer, euch gehört die Sprache nicht!“ geißeln zu müssen. Aber weder wollte ich als begeisterter Leser von Arno Schmidts Gelehrtenrepublik die schriftstellerische Freiheit antasten oder gar die deutsche Sprache
vereinnahmen, sondern nur einen sehr bescheidenen Beitrag dazu leisten, die Schulbücher und ihre Leserinnen und Leser vor dem folgenden Hinweis zu bewahren: „Aus lizenzrechtlichen Gründen ist dieser Text nicht in reformierter Rechtschreibung abgedruckt.“

Anm.: Die ganze Auseinandersetzung ist im Mitgliederbrief 27, 2009: 2–5 ausführlich dargestellt worden. Dort findet sich auch die Liste der Autoren und Autorinnen, die eine Publikation in reformierter Orthographie untersagten.
(Didaktik Deutsch. Jg. 23. H. 44)

Mit der FAZ ist natürlich der oben wiedergegebene Gastbeitrag von Peter Eisenberg gemeint, auf den Ossner mit einem Leserbrief antwortete, der hier ebenfalls wiedergegeben ist. In dem erwähnten Leserbrief neun Jahre früher heißt es:

Aus dem Rat für deutsche Rechtschreibung
Am 17.4.2009 veröffentlichte Prof. Dr. Peter Eisenberg, Universität Potsdam, folgenden Artikel in der FAZ (Feuilleton, S. 33):


(folgt Eisenbergs Text)

Der Verfasser bedient sich nicht nur des uralten Topos vom tumben Lehrer, der Artikel enthält auch Falschheiten und Unwahrheiten, von denen ich einige in meinem Leserbrief vom 24.4.2009 aufgriff:

(folgt Ossners Leserbrief)

Dabei möchte ich einen Hintergrund weiter erläutern: Bereits 1998 haben folgende Autoren bzw.
Rechteinhaber (darunter v.a. der Suhrkamp-Verlag) über VG Wort ihre Rechte an der alten Orthographie wahren lassen: Adorno, Theodor W.; Andersch, Alfred; Ayren, Armin; Bächler, Wolfgang; Baumann, Kurt; Benjamin, Walter; Benn, Gottfried; Bernhard, Thomas; Böckl, Manfred; Braun, Volker; Brecht, Bertolt; Dürrenmatt, Friedrich; Enzensberger, Hans Magnus; Erpenbeck, Jenny; Fallada, Hans; Fassbinder, Rainer Werner; Ferra-Mikura, Vera (nur Lyrik); Fleißer, Marieluise; Feyl, Renate; Frisch, Max; Fluegler, Ursula; George, Stefan; Gillessen, Günther; Glück, Helmut; Grass, Günter; Grünbein, Durs; Hagen,
Jens; Handke, Peter; Hardmann, Josef; Haushofer, Albrecht; Heise, Hans Jürgen; Hellbrügge, Theodor; Hesse, Hermann; Hermlin, Stefan; Horvath, Ödön von; Kaschnitz, Marie Luise von; Kirsch, Sarah; Kempowski, Walter; Kling, Thomas; Kohl, Helmut (Alt-Bundeskanzler); Kowalsky, Wolfgang; Krause, Jürgen Peter (Übersetzer); Krechel, Ursula; Krischker, Gerhard C.; Kronauer, Brigitte; Kruse, Hinrich; Kunze, Reiner; Lenz, Siegfried; Loriot; Mann, Thomas (nur Lyrik); Marek, Kurt, W. (bedingt); Meier, Christian; Mickel, Karl; Müller, Heiner; Nadolny, Sten; Ransmayr, Christoph; Rheinsberg, Anna; Süskind, Patrick; Tauschinski, Oskar Jan; Torberg, Friedrich; Tucholsky, Kurt; Weizsäcker, Richard, von; Wohmann, Gabriele; Wolf, Christa; Zweig, Stefan (nur Lyrik).

Daher erscheint in den Schulbüchern bei diesen Autoren eine Passage wie: „Aus lizenzrechtlichen Gründen ist der vorstehende Text in alter Orthographie abgedruckt.“ Nachdem Anfang Dezember 2006 die FAZ und mit ihr auch andere maßgebliche Medien das amtliche Regelwerk in der Fassung vom 1.8.2006 im Grundsatz anerkannt haben, habe ich im Rat mündlich in etwa Folgendes vorgeschlagen: „1996 erklärten zahlreiche Personen des öffentlichen Lebens und Verlage ihren Willen, die Texte, für die sie die Rechte innehaben, nicht in der damals reformierten Orthographie erscheinen und über VG Wort ihre Rechte wahren zu lassen. Dies hatte unter anderem zur Folge, dass einschlägige Texte in Schulbüchern entsprechend gekennzeichnet in herkömmlicher Orthographie abgedruckt wurden, sodass die Schülerinnen und Schüler mit zweierlei Orthographien konfrontiert waren. Nachdem die Öffentlichkeit den Vorschlag des Rats für deutsche Rechtschreibung aus dem vergangenen Jahr angenommen hat, bittet der Rat für deutsche Rechtschreibung alle Schriftsteller und alle, die Rechte an Texte innehaben, zu einer Einheitsorthographie zurückzukehren, zumindest in Schulbüchern ihre Texte nach den gegenwärtig gültigen Regeln freizugeben.“ Bereits im Rat haben einige Mitglieder dies so verstanden, als würde ich fordern, dass nur noch solche Autoren veröffentlicht werden, die nach dem amtlichen Regelwerk schreiben oder sich dahingehend für die Schule orthographieren lassen. Ich habe dies zweimal im Rat 2007 richtiggestellt. Eisenberg kannte meine Richtigstellungen, aber wenn man den tumben Lehrer vorführen und ihn fürderhin aus dem Rat beseitigen möchte, ist die Wahrheit eher hinderlich!
Jakob Ossner





Theodor Ickler zu »Rechtschreibrat: Unfähig! Setzen!«
Dieser Kommentar wurde am 19.11.2019 um 20.20 Uhr verfaßt.

Zu http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=754#10688

Wie Jakob Ossner inzwischen mitgeteilt hat (Didaktik Deutsch. Jg. 23. H. 44), ist die Handreichung „Zur Behandlung von Varianten im Orthographieunterricht“ in einem nichtveröffentlichten Materialienband zum dritten Bericht versenkt worden. Darum war meine Suche nicht von Erfolg gekrönt.


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