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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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Theodor Ickler zu »Delirium«
Dieser Kommentar wurde am 09.09.2026 um 06.31 Uhr verfaßt.

Philosophen scheinen mehr als Psychologen und Soziologen dazu zu neigen, im Individuum das primär Gegebene zu sehen, zu dem die „Vergesellschaftung“ hinzukommt – eine Art rationalistische Entwicklungsgeschichte (Orthogenese) des einzelnen, der Geschichte und der Gattung. Wenn wir kleine Kinder beobachten, fällt es uns wegen ihrer offenkundigen Unselbständigkeit leichter, sie nicht als einzelne Organismen zu sehen, sondern als Teil von Interaktions- und Kommunikationsgemeinschaften. Allein sind sie nicht nur nicht lebensfähig. sondern auch keine Personen. Die Gruppe, mindestens als Dyade, ist die primäre Gegebenheit. Ohne deren disziplinierende Wirkung, angefangen mit der gemeinsamen Sprache, gibt es kein Bewußtsein, keine „Besonnenheit“, keine „innere Welt“, keine folk psychology. Es ist ein berüchtigter Grundirrtum, vom Bewußtsein oder Ich/Selbst auszugehen und das „Fremdseelische“ erst durch einen stets unsicheren Analogieschluß („auch einer wie ich!“) hinzutreten zu lassen. In Wirklichkeit ist das sogenannte Bewußtsein ein gesellschaftliches Produkt, und das ist ganz wörtlich gemeint: es ist ein sprachliches, kommunikatives Konstrukt, das wir zur gemeinschaftlichen Problemlösung nutzen, besonders zur Verhaltensabstimmung untereinander. Das einsame Ich dagegen ist das Ergebnis lehnstuhlgebundener Grübeleien von Philosophen. Erklärbar, aber nicht akzeptabel.


Theodor Ickler zu »Trüber Morgen«
Dieser Kommentar wurde am 09.09.2026 um 05.33 Uhr verfaßt.

„Selbstständig“, das bekanntlich gar nicht Gegenstand der Rechtschreibreform war und auch sonst kein Gegenstand einer orthographischen Unterscheidung von dem gleichbedeutenden älteren, anders gebildeten Wort „selbständig“, ist weitgehend wieder verschwunden. Nicht so unsere Erinnerung an die Beflissenheit, mit der auch diese Dummheit sich einst verbreitete.
Die Täter waren nicht einfach die „dumme Masse“, deren unter Intellektuellen verbreitete Verachtung (LeBon usw.) Peter Hofstätter bloßgelegt hat, sondern die Intellektuellen selbst, deren Neigung zum „Verrat“ (Benda) wir niemals vergessen sollten. Sie und nicht das „Volk“ sind der eigentliche Pöbel. Diese Erfahrung war den ganzen Aufwand wert, den uns die Rechtschreibreform gekostet hat.


Chr. Schaefer zu »Jede und jeder«
Dieser Kommentar wurde am 09.09.2026 um 01.49 Uhr verfaßt.

Grafik zur Wählerwanderung in Sachsen-Anhalt (https://substackcdn.com/image/fetch/$s_!rylf!,f_auto,q_auto:good,fl_progressive:steep/https%3A%2F%2Fsubstack-post-media.s3.amazonaws.com%2Fpublic%2Fimages%2F2705772a-b8ba-49c7-821b-a32666264f70_1702x982.png)

Überschrift: "Wählerwanderung"

Rubrik: "Nichtwählende"




Chr. Schaefer zu »Unsichere Flexion«
Dieser Kommentar wurde am 09.09.2026 um 01.37 Uhr verfaßt.

Zum letzten Kommentar von Herrn Metz: "Heutzutage weiß man nicht mehr, was gemeint ist".

Es ist nicht nur das, sondern zumindest die Websites führender deutscher Zeitungen wie spiegel.de und besonders faz.net wimmeln nur so von Kasusfehlern, oft schon in den Überschriften.


Wolfram Metz zu »Unsichere Flexion«
Dieser Kommentar wurde am 09.09.2026 um 00.11 Uhr verfaßt.

»Sachsen-Anhalter sagen, was sie zur Wahl bewegt hat« (spiegel.de)

Heutzutage weiß man nicht mehr, was gemeint ist: was sie im Zusammenhang mit der Wahl bewegt (= berührt, beschäftigt) hat oder was sie zur Wahl bewogen (= veranlaßt) hat. Im ersten Moment habe ich den Nebensatz im Sinne von »was sie zur Wahl bewogen hat« verstanden, schließlich verdrängt die schwache Konjugation auch in dieser Verwendung von »bewegen« immer mehr die starke. Mehr noch, ich habe sogar unwillkürlich die allgegenwärtige AfD gedanklich ergänzt und dachte zunächst, es ginge um die Frage, was Wähler in Sachsen-Anhalt zur Wahl der AfD bewogen hat! Gemeint war aber tatsächlich, welche Gedanken und Gefühle die Wahl bei den Befragten ausgelöst hat. – Ein weiterer Beleg dafür, wie sehr der außersprachliche Kontext, Vorwissen und früheres Nachdenken (man kann auch zu viel nachdenken ...), hier über eine gemachte sprachliche Beobachtung, das Textverständnis beeinflussen können.


Theodor Ickler zu »PISA«
Dieser Kommentar wurde am 08.09.2026 um 17.45 Uhr verfaßt.

Schwelgen die französischen Medien eigentlich auch so in Selbstgeißelung wg. PISA wie die deutschen?

Bildungsökonom Andreas Schleicher hat noch einmal einen großen Tag.


Theodor Ickler zu »Gemischtes vom VDS«
Dieser Kommentar wurde am 08.09.2026 um 17.38 Uhr verfaßt.

Der VDS macht keine Angaben über den Prozentsatz weiblicher Mitglieder. Nach Gelegenheitsfotos zu urteilen, sind sie sehr deutlich in der Minderheit. Ich erinnere mich an die Ortsverbände der "Gesellschaft für deutsche Sprache", wo ich auch fast nur vor Männern gesprochen habe.

Die Leserbrief bestätigen den Eindruck. Nur Männer bringen es fertig, zum tausendstenmal die Unterscheidung von "scheinbar" und "anscheinend" anzumahnen. Oder eben sich so etwas auszudenken wie die Rechtschreibreform...


Theodor Ickler zu »Desiderata«
Dieser Kommentar wurde am 08.09.2026 um 17.23 Uhr verfaßt.

Ich hatte beim Rechtschreibrat angefragt, wie die Großschreibung in "Memento Mori" begründet wird, und erhalte heute die Nachricht, daß man daran arbeite.

Auch zu meiner Frage, warum die Rubrik "Fragen und Antworten" seit vielen Jahren tot ist, heißt es, man arbeite an einer Umgestaltung der Website.

Mein Buch über den Rechtschreibrat sollte übrigens ursprünglich heißen: "Geschäftiges Nichtstun". Inzwischen herrscht nicht einmal mehr die Illusion der Geschäftigkeit.


Theodor Ickler zu »Gemischtes vom VDS«
Dieser Kommentar wurde am 08.09.2026 um 17.15 Uhr verfaßt.

In den „Sprachnachrichten“ des VDS wundert sich ein Leser darüber, daß der VDS der amtlichen Neuregelung der Rechtschreibung folgt; er verweist dagegen auf die Empfehlungen der SOK.
Die Redaktion druckt es ebenso kommentarlos ab wie einen großen Rückblick von Horst H. Munske auf 30 Jahre Rechtreibreform als „Geschichte eines gebrochenen Versprechens“. Der VDS kennt das Bessere und tut das Schlechtere, ein trauriger Anblick.
Munske erwartet übrigens noch etwas vom Rechtschreibrat. Nach meiner ziemlich guten Kenntnis dieses Haufens vergeblich.


Theodor Ickler zu »Festung Europa«
Dieser Kommentar wurde am 08.09.2026 um 16.30 Uhr verfaßt.

Margaret Mead und Ruth Benedict haben Gesellschaften nach der Rolle von Solidarität (cooperation), Rivalität (competition) und Isolation klassifiziert. Aber es fragt sich erstens, ob solche Begriffe universal sind, und zweitens, ob z.B. Kooperation (Solidarität) sich nicht gerade in Rivalität (Wettkampf, auch Streit) verwirklichen kann usw. Anna Wierzbicka hat das umsichtiger gemacht. Die deutschen Pädagogen sind in dieser Hinsicht bei den naiv wertenden europäischen Begriffen geblieben.


Theodor Ickler zu »Kopfrechnen«
Dieser Kommentar wurde am 08.09.2026 um 16.28 Uhr verfaßt.

Bei Tichy hängen sie süßen Träumen nach:
„Nach dem britischen First-past-the-post-Prinzip hätte die AfD im Parlament von Sachsen-Anhalt 38 von 41 Sitzen gewonnen. Die Linke die übrigen drei.“
Ja, aber nach dem Mehrheitswahlrecht wäre die AfD in den letzten Jahren gar nicht erst in ein Parlament gekommen. Dann sähe die Welt vermutlich anders aus.


Theodor Ickler zu »Rhetorik«
Dieser Kommentar wurde am 08.09.2026 um 15.44 Uhr verfaßt.

Niemand gesteht sich gern ein, daß er seinen Mitmenschen unsympathisch ist und von ihnen für unfähig gehalten wird. Lieber erklärt er trotzig, er werden an seinem Kurs festhalten usw.


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