zurück zur Startseite Schrift & Rede, Forschungsgruppe dt. Sprache    FDS - In eigener Sache
Diskussionsforum Archiv Bücher & Aufsätze Verschiedenes Impressum      

Theodor Icklers Sprachtagebuch

Die neuesten Kommentare


Sie sehen die neuesten 12 Kommentare

Nach unten

Durch Anklicken des Themas gelangen Sie zu den jeweiligen Kommentaren.


Theodor Ickler zu »Sprechende Hunde«
Dieser Kommentar wurde am 25.10.2026 um 07.02 Uhr verfaßt.

Nicht nur mit dem Mund (der sprichwörtlichen "Zunge") sind wir tausendmal geschickter als jedes Tier, sondern auch mit den Händen. Beides dürfte zusammenhängen (vgl. Leroi-Gourhan, Révész). Aber wie?
Den Schimpansen genügt ihre Fingerfertigkeit, aber wenn wir den Kindern über Jahre zusehen, wie sie ihre Geschicklichkeit immer weiter treiben, sehen wir den Unterschied sehr deutlich. Schon wenn sie mit drei Jahren Bauklötze aufeinander stellen und zentrieren, überschreiten sie grundsätzlich, was einem Affen überhaupt möglich ist. Was bedeutet das eigentlich? Das ist die Frage, die noch nicht im Gesamtzusammenhang beantwortet werden kann.


Theodor Ickler zu »Kopfrechnen«
Dieser Kommentar wurde am 24.10.2026 um 15.27 Uhr verfaßt.

Ich schlage vor, diese (rhetorische) Frage hier nicht weiterzuverfolgen. Natürlich ist die EU wie alles in der Welt semper reformanda. Aber darum geht es ja nicht. – Schon stoppe ich, weil ich es wirklich nicht für sinnvoll halte, sich mit der Art auseinanderzusetzen, wie die Rechten den Streit führen.


Erich Virch zu »Kopfrechnen«
Dieser Kommentar wurde am 24.10.2026 um 15.27 Uhr verfaßt.

Einem erschöpften Aktivisten Stärkung gespendet zu haben, macht mich natürlich stolz. Die Unterscheidung zwischen Europa und EU hatte ich mit dem Text zu treffen gehofft.


Manfred Riemer zu »Kopfrechnen«
Dieser Kommentar wurde am 24.10.2026 um 14.03 Uhr verfaßt.

Mir gefällt Herrn Virchs Schilderung auch sehr gut, reisen wir doch immer noch im Sommer vorzugsweise mit Auto, Zelt und Luftmatratze, wie zum Beispiel dies Jahr in Island. Nur die Kinder sind nicht mehr dabei, wie noch in den Neunzigern.

Aber, lieber Herr Virch, wer lehnt denn Europa ab? Sollte man nicht etwas klarer zwischen Europa und der EU unterscheiden? Genaugenommen sehe ich sogar einen Unterschied zwischen der EU i. a. und bestimmten bürokratischen Strukturen und Methoden innerhalb der EU.


Theodor Ickler zu »Kopfrechnen«
Dieser Kommentar wurde am 24.10.2026 um 11.22 Uhr verfaßt.

Danke für den schönen Text! Ich bin zwar nicht so weit herumgekommen wie Sie, aber Ihre Schilderung, eine Huldigung an unser Europa, hat mich innerlich gestärkt. Ich kann jetzt weiter gegen die Neonazis kämpfen.


Erich Virch zu »Kopfrechnen«
Dieser Kommentar wurde am 24.10.2026 um 10.58 Uhr verfaßt.

Meine Kindheitserinnerungen sind hier nicht unbedingt am rechten Platz, und Krokodilstränen auch nicht. Ich finde es aber traurig, wenn selbst Plastikdeckelchen wichtig genug für eine Ablehnung Europas genommen werden.

https://virchblog.wordpress.com/2026/10/24/wie-ich-europaer-wurde/


Ivan Panchenko zu »Der Fall Unterstöger«
Dieser Kommentar wurde am 24.10.2026 um 09.38 Uhr verfaßt.

Notizen zu Beiträgen von Unterstöger, die ich ihm im April/Mai 2025 in einer früheren Fassung habe zukommen lassen:

1) 30. Dez. 2024: Die Phrase «zwei Mal größer» kann so verstanden werden wie «um den Faktor 2 größer» und somit wie «zwei Mal so groß». Manche würden zwar meinen, «zwei Mal größer» sollte logisch™ betrachtet ‘um das Doppelte größer’ heißen, aber es gibt keinen besonderen Grund, das ausgerechnet so zu interpretieren, da «zwei Mal» allein normalerweise nicht für das Doppelte einer Größe steht, sondern eine Häufigkeit angibt, so auch in «zwei Mal so groß» – «so groß und (zusätzlich) wieder so groß». Für Klarheit kann zum Positiv statt des Komparativs gegriffen werden. Im Gegensatz zur russischen Konstruktion «в два раза больше» (mit Komparativ und der Präposition «в») kommt die deutsche Entsprechung ohne Präposition aus, aber das schließt eine besondere Bedeutung nicht aus, es gibt ja auch Fälle wie «jeden Tag» (statt «an jedem Tag»). Es wird nicht «zwei Mal erhöht» für «um den Faktor 2 erhöht» gesagt, hingegen ist «увеличить в два раза» möglich – aber wir sagen ja auch «um zwei Meter erhöht» statt «zwei Meter erhöht», also kein Wunder.

Ist in unpräzisen Angaben wie «1000 Mal schöner» in Wirklichkeit so etwas wie ‘tausend Mal um ein gewisses (nicht zu vernachlässigendes) Ausmaß schöner’ gemeint und rührt die Komparativ-Konstruktion vielleicht sogar daher? In der Tat scheint hier der Komparativ natürlicher zu sein als der Positiv, da wir die Steigerung betonen möchten und nicht einfach nüchtern-sachlich messen. Ich würde die Erklärung trotzdem verwerfen, denn es heißt auch (russisch) «в 1000 раз красивее» mit der Präposition «в».

Im Gegensatz zu «zwei Mal größer» klingt «doppelt größer» in meinen Ohren schief. Das kann erklärt werden – «zwei Mal» ist aus dem Nomen «Mal» aufgebaut und bietet sich so für eine besondere Bedeutung an (etwa: um eine Vervielfachung auf zwei Male, wobei «größer» diese Vervielfachung ausdrückt und «kleiner» die Umkehrung), wie sie mit der russischen Präposition «в» ausgedrückt wird, dagegen ist «doppelt» einfach ein Adjektiv.

Möglich ist auch «zwei Mal dünner» ‘um den Faktor 2 dünner’, dagegen ist «zwei Mal so dünn» durchaus wunderlich, denn es wird nicht der Kehrwert einer Dicke als «Dünnheit» angegeben, sondern «dünn» wirkt einfach negativ, ebenso «klein», «jung» etc. – wenn eine Person zwei Jahre älter ist als eine andere, dann ist die zweite zwei Jahre jünger als die erste, außerdem sagen manche so etwas wie «18 Jahre jung», was so verstanden werden kann wie «so jung wie nach 18 Jahren». Akzeptabel ist jedoch «unendlich nah», da hier nicht eine konkrete Größe multipliziert wird.

2) 1. Sep. 2023: Ickler meinte zu «trans» als unflektiertem Adjektiv, das sei «erfahrungsgemäß kein Dauerzustand, weil wir an dieser Position nichts Unflektiertes dulden» (genauer gesagt geht es um den linksattributiven Gebrauch, der prädikative ist sicher anders zu bewerten). Ich schlage als Ersatz das flektierbare «transgeschlechtlich» vor. Ursprünglich wurden mit dem Farbsubstantiv «Rosa» (von lateinisch «rosa» ‘Rose’) Zusammensetzungen wie «Rosakleid» gebildet, heutzutage sagen wir «rosa Kleid» (Ausweichlösung: «rosafarbenes Kleid»), was aber wegen des vokalischen Ausganges «-a» nicht ganz so schief klingt (ein weiteres Beispiel ist «super» mit dem «-er»). Hingegen SCHREIBEN zwar manche aus pol. Korrektheit «trans Frau» statt «Transfrau», doch zu hören ist oft eine Hauptbetonung auf der ersten Silbe und nicht (wie mit Adjektiv normalerweise zu erwarten) auf «Frau». Und wer würde schon «ein offen trans Mann» (wo sich «offen» adverbial auf «trans» bezieht) sagen? Übrigens gibt es einen feinen Bedeutungsunterschied zwischen «transgeschl. Mann» und «transmännlich»/«Transmann», denn ein transgeschl. Mann kann auch eine MzF-Transperson, die noch nicht transitioniert ist und als Mann lebt, sein und nicht nur eine FzM-Transperson, die schon als Mann lebt. «Trans-» ist in der Zusammensetzung ein gebundenes Lexem (wobei Geschlecht nicht explizit genannt wird) wie «Hetero-» (wo Sexualität nicht explizit genannt wird) in «Heteromann» oder «Bio-» in «Biogemüse».

3) 11. Jan. 2019: Jemand kann sowohl Dichter wie auch Komponist sein, ebenso kann jemand gleichzeitig Hausrusse und Hofrusse sein, daher ist die Schreibweise «Haus- und Hofrusse» sehr wohl korrekt. Zu einem Wort zusammensetzen würde ich nur bei besonderer Zusammengehörigkeit der «und»-Gruppe, zum Beispiel ist «Goethe-und-Schiller-Denkmal» sinnvoll, da es sich nicht einfach um ein Denkmal handelt, welches sowohl Goethe wie auch Schiller gewidmet ist, sondern um ein Denkmal, das Goethe und Schiller nebeneinanderstehend zeigt. Dagegen finde ich die HGB-Schreibweise «Gewinn- und Verlustrechnung» besser als die des Rechtschreibrates («Gewinn-und-Verlust-Rechnung»), zum Vergleich: «Hin- und Rückfahrt» (und auch «Hin- und Hergerissenheit» analog zu «hin- und hergerissen», auch wenn «Hergerissenheit» ohne «Hin-» nicht üblich ist). Eine besondere Zusammengehörigkeit von «Gewinn und Verlust» sehe ich nämlich nicht, auch wenn insgesamt nur eines der beiden Dinge herauskommt. (Die Wörter «Gewinn» und «Verlust» werden durchaus nicht nur für das Gesamtergebnis gebraucht; in die Rechnung werden Gewinne/Erträge und Verluste/Aufwendungen einbezogen, es gibt auch «Ertrags- und Aufwandsrechnung» und «Kosten- und Leistungsrechnung».)

4) 16. Jun. 2023: Dieser Gebrauch von «nichts weniger» ist nicht so unlogisch, da das so verstanden werden kann wie «nichts Geringeres». Zum Vergleich: «A erhielt etwas weniger als 100 Euro.» Nun ersetzen Sie einfach «etwas» durch «nichts».

5) 9. Dez. 2016: Das Problem an der üblichen «der gleiche»-vs.-«derselbe»-Lehre ist das Vorliegen des bestimmten Artikels, auf dessen Rolle Roland Harweg (1970) hingewiesen hat. Um WELCHEN gleichen Wagen soll es in «Fritz hat DEN gleichen Wagen wie Otto» denn gehen, wenn nicht um genau denjenigen von Otto? Es liegt also nicht nur Gleichheit, sondern (absolute) Identität vor – trotzdem kann «der gleiche» bei zwei räumlich getrennten Dingen gebraucht werden, es kann nämlich eine andere Abstraktionsstufe gemeint sein, zum Beispiel «der gleiche/derselbe Wagen», weil dasselbe MODELL vorliegt. Harweg meinte sogar, «gleich» erfordere den bestimmten Artikel, doch das ist zu streng; «gleich» kommt nach «ein» vor, doch damit scheint mir die Vergleichskonstruktion mit «wie» nicht so idiomatisch zu sein. Die Phrase «ein gleicher Haushalt» funktioniert gut nach bereits erfolgter Erwähnung eines Haushaltes, was dagegen «einen gleichen Wagen wie Otto» angeht, so ist zwar «einen Wagen wie Otto» möglich, aber den Bezug des Adjektivs «gleich» finde ich ungünstig, außerdem ist «eine gleiche … wie früher» (statt «genau so eine … wie früher») ziemlich unüblich, statt «gleich wie früher» kann «genau so wie früher» gesagt werden.

6) 28. Jan. 2015: Die Formulierung «seit sie 16 ist» kann wie folgt erklärt werden: Zwar ist der Satz «Ich habe zwei Kinder» nicht zu erwarten, wenn die Person mehr als zwei Kinder hat, das liegt aber nicht an der wörtlichen Bedeutung (jemand kann zwei Kinder haben UND darüber hinaus weitere, das schließt sich nicht aus); gemäß der Maxime der Quantität (nach Grice) sollte mit der vollen Anzahl rausgerückt werden, statt sich willkürlich nur einen Teil herauszugreifen. Wenn aber die Frage «Haben Sie ein Kind?» gestellt wird, kann sie mit «Ja, (sogar) drei» beantwortet werden. Analoges gilt für «Ich bin 16 (Jahre alt)»: Semantisch schließt der Satz ein Alter von 17 Jahren nicht aus, aber wenn die Person genau 17 wäre, wieso sollte sie dann nicht direkt «17» sagen? Hingegen stellt «seit sie 16 ist» keinen Verstoß gegen die besagte Maxime dar.

7) 4. Dez. 2014: Das Wort «selbständig» rührt vom alten Wort «selb», vgl. dazu «selbdritt», «selbig» und «selber» (erstarrter Nominativ Singular Maskulinum). Die Sätze «Pisek heißt auf Tschechisch Sand» und «Sand heißt auf Tschechisch pisek» sind beide vertretbar, der Satzbau ist flexibel genug («Er spielt Fußball»/«Fußball spielt er»).

8) 27. Sep. 2019: Zu «diesen Jahres»: Wie Ickler beobachtete, wird eher «besondere Merkmale jedes Geschlechts» gesagt, aber «Bewerber jeden Geschlechts». «Im ersten Fall liegt der possessive Genitiv vor, im zweiten der qualitative.»

9) 5. Feb. 2021: Es kann sehr wohl auch «ein schlechtes Gewissen» verneint werden, warum denn nicht? Leser W. ging es doch eher um die besondere Wortstellung – «ein schlechtes Gewissen» ist vorangestellt und später folgt «keines», statt direkt «kein schlechtes Gewissen» zu sagen.

10) 2. Apr. 2021: Der Gebrauch von «wie zum Beispiel» setzt doch schon das Funktionieren mit «wie» allein voraus.

11) 11. Jun. 2021: Oba mag zwar der erste Mensch sein, der «Dunkelziffer» einführte, aber Ausdrücke wie «Geburtenziffer» lassen sich schon vor seiner Arbeit von 1908 nachweisen; «Ziffer» wird in der Demographie manchmal für Kennzahlen gebraucht. Das Wort geht auf ein arabisches Wort für die Null zurück, schon der Gebrauch für die Zeichen von 0 bis 9 stellt also eine Bedeutungsänderung dar. Als Rechtfertigung (unabhängig von der wirklichen Herkunft) für Ausdrücke wie «Ziffer» sei das französische Verb «chiffrer» genannt, welches ‘beziffern’ bedeuten kann (eine Bezifferung kann ja auch mit mehreren Ziffern erfolgen). Das Substantiv «chiffre» für das, was dabei angegeben wird (wie in «chiffre d’affaires» ‘Umsatz’), erscheint so ziemlich naheliegend und kann wiederum mit «Ziffer» übertragen werden.

12) 12. Aug. 2016: Zum Satz mit «Jedes Jahr»: Das ist zwar eine mögliche Interpretation aber nicht die einzige; die Wortstellung ist flexibel genug, um «Jedes Jahr» voranstellen zu können.

13) 15. Jul. 2016: «Glasvitrine» ist kein Pleonasmus, denn eine Vitrine hat zwar etwas mit Gläsernheit zu tun, aber es gibt auch Kunststoffvitrinen sowie Holzvitrinen mit einem Glasfenster.

14) 20. Okt. 2017: Der «damit»-Teil kann auch auf «aus(zu)ziehen» bezogen werden und nicht nur auf «weigern», der Satz ist schlicht mehrdeutig.

15) 10. Aug. 2018: Der Ausdruck «selbsterfüllend» (statt «sich selbst erfüllend») ist in der Zusammenschreibung nicht falsch, weil es sich um ein zusammengesetztes Wort handelt. Das ist ähnlich wie «angsterfüllt» statt «von Angst erfüllt».

16) 15. Mär. 2019: Die Getrenntschreibung war auch vor 1996 möglich, denn auch wenn «nicht westlich» (oder dergleichen) nicht explizit als Variante verzeichnet war, ändert das nichts an der Möglichkeit, so eine Verneinung zu konstruieren (wie sonst sollte sonst «nicht westlich, sondern östlich» geschrieben werden können?).

17) 7. Sep. 2018: Entgegen der Behauptung, «bevor» mit «expletiver» Verneinung sei normalerweise vorangestellt, stellte Manfred Krifka ein weniger häufiges Vorkommen fest. «Weisgerber’s data are based on a production experiment with students in secondary school. In the DWDS corpus, there are 24 cases with sentence-initial bevor plus “expletive” negation (search string: “Bevor #2 nicht”), and at least 150 cases with non-initial bevor plus “expletive” negation (“bevor #2 nicht”).» (Krifka lieferte für die Verneinung eine Erklärung, jedoch habe ich Zweifel daran, mir scheint dieses «bevor nicht» eher einer Unachtsamkeit zu entspringen.)

18) 19. Jan. 2018: Da «raspelkurz» lediglich die Kürze beschreibt, impliziert das Wort nicht, dass die Haare mit einer Raspel behandelt wurden, etwas Haushohes muss ja auch nicht selbst ein Haus sein. Zu «Bürgerliches Gesetzbuch»: Wenn die Gesetze bürgerlich sind, dann doch wohl auch das Gesamtpaket, also das Gesetzbuch. Das ist ganz anders zu bewerten als «vierstöckiger Hausbesitzer».

19) 28. Okt. 2016: Das Wort «klammheimlich» ist kein Pleonasmus, sondern eine Verstärkung von «heimlich», ähnlich wie «sauteuer» eine Verstärkung von «teuer» ist. Zu «Nimmt man das als Basis, wären echte Gerüchte die mit der wahren Ladung, falsche hingegen die mit der erlogenen und ehrabschneiderischen»: Auch falsche Gerüchte sind echte Gerüchte, sie sind ja wirklich Gerüchte. Gerüchte, die etwas Wahres transportieren, sind wahre Gerüchte.

20) 27. Nov. 2012: Das lateinische Wort «intro» bedeutet ‘nach innen’, doch «extra» bedeutet ‘außen’ statt ‘nach außen’, daher ist «extravertiert» nicht sehr gelungen. Ein richtiges Gegenstück zu «intro» ist «foras», außerdem gibt es «introrsus» ‘nach innen zu’ und spätlateinisch findet sich «extrorsus». Wenn anstelle von «-rsus» ohne Kontraktion «versus» verwendet werden würde, würde das auf «extroversus» hinauslaufen, zu dieser Wortbildung kam Comenius (1668: «in se et in Deum reverti, ac introverti, totus extroversus ipse»). Also entspricht «extrovertiert» zwar nicht dem klassischen Latein, ist aber als Neuschöpfung per Analogie gar nicht so schlecht.

21) 23. Jan. 2012: Dem Teil «wie man auch am neuen Paar Schuhe sieht, bei dem ebenfalls die Schuhe neu sind und nicht das Paar» stimme ich nicht zu, denn wenn die Schuhe neu sind, dann ist auch das Paar (also das Schuhpaar) neu, weil es erst durch die Schuhe zustande kommt. Die Stellung des Adjektivs erscheint dann besonders, wenn «das Paar» sozusagen reifiziert verstanden wird, so ähnlich, wie «eine Million» nicht nur für eine Million DINGE stehen kann, sondern auch für das abstrakte mathematische Objekt 1000000 – aber so ist das hier eben nicht zu verstehen. In «ein gutes Glas Wein» steht «Glas» als Einheitenname nicht wörtlich für das Glasmaterial, sondern für den Inhalt eines Glases, zum Vergleich: «eine Flasche trinken». So gesehen liegt die Besonderheit nicht in der Stellung des Adjektivs. Wir sagen trotzdem nicht «weißes Glas Wein», da «weißer Wein» ein feststehender Ausdruck ist.

22) 27. Mai 2010: Der Ausdruck «die höllischen zehn Minuten» ist nicht so unlogisch, da «die zehn Minuten» für einen konkreten Zeitabschnitt stehen kann und nicht als abstrakte Bezeichnung einer Dauer verstanden werden muss (zum Beispiel waren die zehn Minuten von 00:00 Uhr bis 00:10 Uhr am 1. Mai 2025 ein anderer Zeitabschnitt als die zehn Minuten von 12:00 Uhr bis 12:10 Uhr am 2. Mai 2025) – und natürlich kann so ein Zeitabschnitt aufgrund eines bestimmten Ereignisses als «(für jemanden) höllisch» bewertet werden.

23) 21. Jun. 2010: Vielleicht geht «sich Nietzsches Zarathustra annehmen» (ohne Genitiv-s bei «Zarathustra») doch in Ordnung, indem «Zarathustra» als (verkürzter) Titel angeführt wird, weil es nicht um die Person Zarathustra geht, sondern um das nach ihm betitelte Werk. (Klar, «Deutsche Bahn» wird der Deklination unterworfen, ich finde es aber durchaus sinnvoll, «in Schillers (Die) Räuber» statt «in Schillers Räubern» zu sagen, weil der Titel des Werkes nicht das Werk bezeichnet.)

24) 20. Jul. 2010: Ich finde neben «die drei größten Pflughersteller» auch «die größten drei P.» akzeptabel. Demnach geht es um drei Pflughersteller, und zwar welche? Die größten. Es gibt nämlich keine größeren – so funktioniert der Superlativ.

25) 14. Mär. 2012: Die Formen «weltlang» und «weltlänger» braucht es nicht für «weltlängste», weil das aus «Welt» und «längste» zusammengesetzt ist und kein Superlativ von «weltlang» sein soll. Siehe auch: «zweitlängste», «allerlängste».

26) 26. Jul. 2010: Als zusammengesetztes Wort ist «atemberaubend» schon in Ordnung, denn gemeint ist: jemanden des Atems beraubend. Daneben ist natürlich auch «atemraubend» (jemandem den Atem raubend) möglich.

27) 6. Apr. 2018: «BEKOMMT DER LEHRER seine Theorie, dass der Mensch vom Affen abstamme, mit dem Zuruf "Sie vielleicht, Herr Lehrer!" quittiert, ist das zwar bitter, aber verdient.» – Na ja, biologisch wird der Mensch zu den (Menschen-)Affen gezählt, und selbst wenn er aus Eitelkeit von der Kategorie ausgeschlossen werden möchte, ist vielleicht trotzdem der Hinweis erlaubt: Zu seinen Vorfahren gehören ausgestorbene (!) Affenarten.

28) 26. Jun. 2012: Online bricht der Artikel nach «An diesem Punkt ist zu konstatieren, dass» plötzlich ab.


Theodor Ickler zu »Tiefenkasus«
Dieser Kommentar wurde am 24.10.2026 um 06.19 Uhr verfaßt.

Daß die Kasus keine eigene Bedeutung haben, will Michael Schecker mit
"an die menschliche Vernunft glauben"
und
"an der menschlichen Vernunft zweifeln"
beweisen.

Michael Schecker: „Grammatik und Kommunikation. Zur Leistung ausgewählter syntaktischer Ausdrucksmittel für das natürliche Sprachverstehen“ (Eugène Faucher/René Métrich/Marcel Vuillaume, Hg.: Signans und Signatum. Auf dem Weg zu einer semantischen Grammatik. Festschrift für Paul Valentin zum 60. Geburtstag. Tübingen 1995:481-496)

Aber zweifeln ist etwas ganz anderes als glauben. Vgl. schon: ich glaube es – *ich zweifele es! Zweifeln heißt: sich fragen, ob ... oder ob ... Also kein Sachverhalt, sondern alternative Propositionen als Objekt (indirekter Fragesatz).

Man könnte das noch vertiefen, aber es genügt schon, um eine allzu stumpfe Bedeutungsbeschreibung als Ursache des Irrtums aufzudecken.


Wolfram Metz zu »Buch oder Bildschirm«
Dieser Kommentar wurde am 23.10.2026 um 20.31 Uhr verfaßt.

Hier in den Niederlanden wurde gerade die mit Abstand größte Supermarktkette von einem schweren Hackerangriff getroffen. Es war beängstigend zu sehen, wie sich die Regale binnen Stunden leerten. So leere Regale habe ich zuletzt in der Coronakrise gesehen, aber damals ging es nicht so schnell. Onlinebestellungen waren nicht mehr möglich, bereits bearbeitete Bestellungen konnten nicht ausgeliefert werden und wurden statt dessen teilweise bei den Tafeln abgeliefert. Angebote und persönliche Rabatte konnten an der Kasse nicht berücksichtigt werden, die Handscanner zeigten immer wieder falsche Preise an. Erst zwölf Tage nach dem Angriff funktionierten alle Systeme wieder normal. Der Schaden war immens. Auch Bauern und Zulieferbetriebe bekamen die Folgen zu spüren.

Moderne Logistikketten sind darauf ausgelegt, daß die Ware möglichst ohne oder jedenfalls mit möglichst kurzer Zwischenlagerung weitergereicht wird. Solange das alles reibungslos funktioniert, können sich die Verbraucher freuen, aber jedes Stocken in den eng getakteten Abläufen kann weitreichende Folgen haben, und so ein Hackerangriff verheerende. Das soll kein Plädoyer für ein Zurück zum Faxgerät sein, aber der Vorgang zeigt, wie anfällig unsere digitalen Systeme für Störungen sind. Offenbar gibt es auch keine wirksamen Notmechanismen, oder es sind keine vorgesehen, vielleicht weil sie zu teuer wären. Möglicherweise wird man bei der Kosten-Nutzen-Abwägung aber bald zu einem anderen Ergebnis kommen, wenn sich solche Ereignisse häufen.


Theodor Ickler zu »Buch oder Bildschirm«
Dieser Kommentar wurde am 23.10.2026 um 18.13 Uhr verfaßt.

In der SZ (23.10.26) fordert Peter Richter ein Recht auf analoges Leben, also ohne den Zwang zum Smartphone usw. Auch sollte Bargeld überall angenommen und ausgegeben werden müssen; schließlich ist es gesetzliches Zahlungsmittel. Die Regierung Merz will umgekehrt durch Gesetz verankert wissen, daß überall digital bezahlt werden kann. Die Digitalisierung schließt viele de facto aus.
Der Beitrag ist etwas überformuliert, enthält aber viele treffende Beispiele, auch aus dem Bereich der smarten Geräte, die uns gängeln und ausspionieren. Es gibt, zum Beispiel in Schweden, schon Gegenbewegungen, auch mit Hinblick auf Internetausfälle, die ja sehr leicht ausgelöst werden können und das gesamte Leben lahmlegen würden.
Muß wirklich alles, von der Zahnbürste bis zum Kühlschrank, "vernetzt" sein, als sei das an sich etwas Gutes? Es erinnert an die Einführung der "Laptop-Klassen", wo man auch zuerst die Technik einführte (und gut daran verdiente) und dann zu überlegen anfing, wozu man sie nutzen könnte.


Theodor Ickler zu »Rhetorik«
Dieser Kommentar wurde am 23.10.2026 um 13.16 Uhr verfaßt.

Trump dürfte selbst für seine Verhältnisse zu weit gegangen sein, zumal sein Stern im Sinken ist und er sich nicht mehr alles erlauben kann. Man kann sich keinen anderen Präsidenten oder anderen politischen Führer vorstellen, der öffentlich erklärt, sich bei der Auswahl seiner Favoriten von deren knackigem Arsch leiten zu lassen. Selbst wenn er offen schwul oder bisexuell wäre... „I examined his ass“ kennt man nur aus der pornographischen Literatur, in diesem Fall der schwulen:
„I asked him to lie on the bed and turn back. He was crying a lot. I examined his ass and I parted his ass checks, I was very much surprised to see his ass. Its plump, but his hole is very small and on seeing this small hole I really got excited. I removed my shorts ...“ usw.


Theodor Ickler zu »Trüber Morgen«
Dieser Kommentar wurde am 23.10.2026 um 05.05 Uhr verfaßt.

Früher unterhielten sehr reiche Leute Privatarmeen, die sie mal in diese, mal in jene Dienste stellten. Auch die East India Company könnte man erwähnen. Heue braucht man dazu keine Söldnerheere, es genügt die Herrschaft über Informationstechnologie, Satelliten usw. Oligarchen stehen außerhalb der staatlichen Ordnung, NEBEN den politischen Führern, mit denen sie auf gleicher Augenhöhe verkehren.


Die neuesten Kommentare

Zurück zur Übersicht | nach oben


© 2004–2018: Forschungsgruppe Deutsche Sprache e.V.

Vorstand: Reinhard Markner, Walter Lachenmann, Jan-Martin Wagner
Mitglieder des Beirats: Herbert E. Brekle, Dieter Borchmeyer, Friedrich Forssman, Theodor Ickler, Michael Klett, Werner von Koppenfels, Hans Krieger, Burkhart Kroeber, Reiner Kunze, Horst H. Munske, Adolf Muschg, Sten Nadolny, Bernd Rüthers, Albert von Schirnding, Christian Stetter.

Webhosting: ALL-INKL.COM